Dieser Artikel ist Teil der Reihe Wohngeschichte, in der Häuserhelden Themen aus der Geschichte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus aufbereitet. Grundlage ist das Jubiläumsbuch „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG" (Heidelberg, 2018). Es geht um Heidelberg, nicht um Düsseldorf oder das Bergische Land, unser eigenes Tätigkeitsgebiet.
Ein Stolperstein ist eine kleine, im Boden verlegte Messingtafel vor dem letzten frei gewählten Wohnort eines Opfers der NS-Verfolgung. Sie trägt Name, Geburtsjahr und Schicksal und soll die Erinnerung zurück an den Ort des gelebten Alltags holen. Auch in der Siedlung Pfädelsäcker, einem Teil von Neu Heidelberg, liegt seit dem 28. Juni 2016 ein solcher Stein. Er erinnert an Klara Nägele, die in der St. Vitusgasse lebte.
Der Stolperstein in der St. Vitusgasse
Der Stein liegt vor dem Haus St. Vitusgasse 30 in der Siedlung Pfädelsäcker. Dort hat Klara Nägele, geborene Sigal, vor und nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt, durch die Krisenjahre der Zwanzigerjahre bis zum Wiederaufbau, bis zu ihrem Tod am 10. Mai 1970. Initiiert wurde die Verlegung von der Initiative HD-Stolpersteine, die seither auch die Erinnerungen von Angehörigen dokumentiert.
Klara Nägeles Geschichte
Klara Sigal stammte aus Kiew und war Jüdin. 1923 heiratete sie, damals 24 Jahre alt, Karl Friedrich Nägele, einen Kriegsveteranen, der im Ersten Weltkrieg ein Bein verloren hatte. Gemeinsam bauten sie sich im neuen Heim eine Zukunft auf, auch wenn die Kriegsfolgen das Familienleben einschränkten. Klara Nägele arbeitete als Weißnäherin und trug damit wesentlich zum Unterhalt der Familie bei, bis die Verfolgung durch die Nationalsozialisten ihr Leben bestimmte.
Nach der Scheidung von ihrem Mann Ende 1944 verlor sie den Schutzstatus einer sogenannten privilegierten Mischehe und wurde deportiert, allerdings erst relativ spät. Sie kam ins Konzentrationslager Theresienstadt. Diese späte Deportation war mitentscheidend dafür, dass sie die Befreiung durch die sowjetische Armee erlebte und überlebte.
Rückkehr und das Leben nach der Befreiung
Nach der Befreiung kehrte Klara Nägele in die St. Vitusgasse zurück und lebte dort mit ihrem Sohn, ihrer Schwiegertochter und später auch ihrer Enkelin Gisela. Ihre Urenkelin Beate hat sich 2016 anlässlich der Verlegung des Stolpersteins an sie erinnert, unter anderem an jiddische Ausdrücke wie „Kaibele" und „Mendele", die in den Erzählungen der Großmutter vorkamen. Diese und weitere Erinnerungen von Angehörigen sind auf der Website der Initiative HD-Stolpersteine dokumentiert. Der Stein in der St. Vitusgasse hält diese Geschichte seit 2016 sichtbar in der Siedlung fest, mitten im Alltag von Pfädelsäcker.
Bildnachweis: Foto von Christian Michelides, Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.