Dieser Artikel ist Teil der Reihe Wohngeschichte, in der Häuserhelden Themen aus der Geschichte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus aufbereitet. Grundlage ist das Jubiläumsbuch „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG" (Heidelberg, 2018). Es geht um Heidelberg, nicht um Düsseldorf oder das Bergische Land, unser eigenes Tätigkeitsgebiet.
Hinter dem Begriff Gartenstadt steckt eine konkrete Antwort auf die Wohnmisere der Industrialisierung: enge Mietskasernen, schlechte Luft, explodierende Bodenpreise. Der britische Parlamentsstenograph Ebenezer Howard entwarf dagegen ein Gegenmodell mit viel Grün, kurzen Wegen und echter Nachbarschaft. Seine Idee verbreitete sich von London aus über ganz Europa, auch nach Deutschland. In Heidelberg bekam sie mit dem Pfaffengrund eine eigene, bis heute lebendige Ausprägung.
Die Grundidee: Garten und Wohnen gehören zusammen
Howard wollte weder die beengte Stadt noch das isolierte Landleben, sondern eine Verbindung aus beidem. Seine Gartenstädte setzten auf großzügige Gärten, breite Alleen und eine gute Anbindung an die nahe Großstadt, ohne selbst mitten in ihr zu liegen. Wohnhäuser entstanden als Einzel-, Doppel- oder Reihenhäuser mit eigenem Grün, nicht als fensterlose Mietskasernen-Blocks.
Zur Gartenstadt gehörten außerdem Läden, Ärzte, Gaststätten, Vereinsheime, Spielplätze und teilweise sogar Arbeitsplätze vor Ort. Ziel war ein Ort, an dem man wirklich leben konnte, nicht nur schlafen. Damit übernahm das Konzept für die Normalbevölkerung Qualitäten, die bis dahin vor allem den Villenvororten der Wohlhabenden vorbehalten waren.
Woher die Idee kommt
Howard veröffentlichte sein Konzept 1898 in einem Buch, das vier Jahre später unter dem Titel „Garden Cities of Tomorrow" neu erschien (deutsch: „Gartenstädte von morgen", Jena 1907). Daraus entstand zunächst in Großbritannien, dann weltweit eine regelrechte Gründungswelle. In Deutschland gründete sich 1902 in Berlin die Deutsche Gartenstadt Gesellschaft, gefolgt von Projekten etwa in Karlsruhe-Rüppurr (1905), Mannheim (1912) und Ludwigshafen (1914).
Dabei entwickelte sich das Konzept in Deutschland nicht eins zu eins wie im englischen Original. Der Genossenschaftler Gustav Langen warnte in seinem Standardwerk „Siedlungswerk" ausdrücklich davor, die Kleinhaussiedlung als Villenviertel misszuverstehen. Für ihn war die Gartenstadt der Wohnort einfacher Leute, die sich mit Typenbauten, genossenschaftlichem Zusammenschluss und günstigen Finanzierungsbedingungen ihren bescheidenen Verhältnissen entsprechend etwas aufbauten. Gartenstadt und genossenschaftliche Siedlung beeinflussten sich über die Jahrzehnte gegenseitig.
Der Pfaffengrund als Heidelberger Beispiel
Eine eigenständige Variante mit besonderen Merkmalen entstand in Heidelberg mit dem Pfaffengrund, der heute als Stadtteil zur Stadt gehört. Eine Luftaufnahme vom Gaskessel aus zeigt den Pfaffengrund Anfang der Fünfzigerjahre bereits als gewachsene Siedlung, die sich seitdem kontinuierlich weiterentwickelt hat.
Auch wenn Howards Konzept in seiner britischen Ursprungsform wandelbar war, blieb der Kern erhalten: viel Grün, kurze Wege, eine funktionierende Nachbarschaft statt anonymer Masse. Der Garten hinter dem eigenen Haus war dabei nie nur Zierde. Er diente früher oft als Nutzgarten zur Selbstversorgung, vergleichbar mit einem klassischen Bauerngarten, und veränderte seine Funktion über die Generationen, ohne seine Bedeutung für die Bewohner zu verlieren.
Warum das Konzept bis heute als Vorbild gilt
Was Howard vor über 125 Jahren beschrieb, trifft im Kern noch immer einen aktuellen Wunsch: Wohnen mit Grün, mit Nachbarschaft und mit kurzen Wegen, statt isoliert in der Fläche oder verdichtet ohne Freiraum. Die Mischung aus Wohnen, Versorgung und Gemeinschaftsleben vor Ort, die Howard forderte, ist genau das Prinzip, das heute unter Stichworten wie Nachbarschaftsquartier oder durchmischtes Wohnquartier wieder diskutiert wird.
Siedlungen nach Gartenstadt-Prinzip zeigen zudem, wie stark Außenraum die Lebensqualität prägt. Kinder, die in solchen Siedlungen aufwuchsen, hatten Platz zum Spielen vor der Tür, eine Erfahrung, die sich in rein verdichteten Wohnblocks kaum wiederholen lässt. Der Außenbereich hat sich in seiner Nutzung gewandelt, bietet aber bis heute Raum für Entfaltung, der in der reinen Stadtwohnung fehlt. Genau deshalb wird die Gartenstadt-Idee bei der Planung neuer Quartiere immer wieder als Referenz herangezogen.
Bildnachweis: Foto von Jörg Blobelt, Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.