Dieser Artikel ist Teil der Reihe Wohngeschichte, in der Häuserhelden Themen aus der Geschichte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus aufbereitet. Grundlage ist das Jubiläumsbuch „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG" (Heidelberg, 2018). Es geht um Heidelberg, nicht um Düsseldorf oder das Bergische Land, unser eigenes Tätigkeitsgebiet.
Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte in Heidelberg akute Wohnungsnot. Heimkehrende Soldaten, Invaliden und Kriegerwitwen fanden kaum bezahlbare Unterkünfte, besonders in der Altstadt. Der Arbeitersekretär Christian Stock brachte 1918 vorhandenes Engagement und frisches Fachwissen zusammen und trieb die Gründung einer Baugenossenschaft voran. Am 29. Juni 1918 wurde die „Gemeinnützige Baugenossenschaft für Volks- und Kriegerheimstätten Heidelberg" gegründet, aus der später Neu Heidelberg eG wurde.
Eine Stadt ohne Wohnraum
Der Erste Weltkrieg endete 1918 mit bekannt schmerzlichen Folgen und hinterließ in Heidelberg ein Heer heimatlos gewordener Menschen: kriegsgetraute Paare, Witwen, heimgekehrte Soldaten und Invaliden. Sie alle brauchten vor allem eines: Wohnraum. Bezahlbare Unterkünfte gab es in Heidelberg kaum, und wenn, dann nur dunkel-feuchte Zimmer in Hinterhäusern oder Seitenbauten. Der Chronist Prof. Dr. Karl Holl beschrieb die Zustände in der Altstadt in der Schrift zum zehnjährigen Bestehen der Genossenschaft als Wohnverhältnisse, „die jeder Beschreibung spotteten".
Die Dringlichkeit der Lage war auf allen Ebenen erkannt, von den lokalen Behörden über die Landesebene bis zum Reich. Selbst Heerführer Hindenburg hatte schon während des Krieges gefordert, Familien ein vor Wucher geschütztes Heim zu sichern. Die großen Worte allein lösten das Problem aber nicht. Eine Heidelberger Baugenossenschaft namens „Gartenstadt" hatte sich im Zuge der Gartenstadtbewegung bereits gegründet, mit eigenen Statuten und einem ansehnlichen Mitgliederkreis, aber ohne durchschlagende Wirkung.
Christian Stock und die Gründung im Juni 1918
Den entscheidenden Anstoß gab Christian Stock, Arbeitersekretär bei der Ortskrankenkasse Heidelberg. Die Krankenkasse hatte ihn zur Gründungsversammlung des unter großherzoglich-badischem Protektorat entstandenen Badischen Baubundes geschickt. Mit zusätzlichem Wissen über die Umsetzung solcher Projekte kehrte er zurück und führte das Potenzial der bestehenden Gartenstadt-Genossenschaft mit dem Know-how von Stadt, Land, Staat, Gewerbe und Verbänden zusammen. Am 4. Februar 1918 organisierte er dazu eine große Versammlung im Vereinslokal des Kaufmännischen Vereins in der Hauptstraße 77. Per Flugblatt wurde anschließend für die Idee der Wohnungsbaugenossenschaft geworben, unter anderem mit dem Argument, dass Mieter bei pünktlicher Zahlung nicht gekündigt werden könnten, auch nicht bei wachsender Kinderzahl oder einem Hausverkauf.
Die Resonanz war groß. Am Samstag, 29. Juni 1918, fand im Gartensaal der Gaststätte Harmonie an der Ecke Haupt-/Theaterstraße die Gründungsversammlung statt. 69 Teilnehmer traten der neuen „Gemeinnützigen Baugenossenschaft für Volks- und Kriegerheimstätten Heidelberg" sofort bei und erwarben zusammen 300 Anteile zu je 200 Reichsmark. Die erste Satzung sowie die Berufungen in Aufsichtsrat und Vorstand wurden einstimmig verabschiedet. Zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats wurde Rechtsanwalt Dr. Rudolf Fürst gewählt, dem Gremium gehörten unter anderem Landtagsabgeordneter Gustav Hartmann, Stadtrat Emil Maier und der Architekt Arthur H. Paul Rottmann an. Den Vorstand bildeten Dr. Theodor Kaufmann, Hermann Kuhn und, als erster Vorsitzender und Direktor, Christian Stock selbst. Am 16. Juli 1918 wurde die Genossenschaft ins Genossenschaftsregister eingetragen.
Vom Plan zur ersten Siedlung
Für die Umsetzung brauchte es mehr als die Gründung allein. Zwei Männer wurden zu wichtigen Trägern der nächsten Phase: Heidelbergs Bürgermeister Dr. Richard Drach und der Architekt Dr. h.c. Ludwig Schmieder, Vorstand des Heidelberger Bezirksbauamtes. Schmieder hatte Siedlungsprojekte weltweit studiert und auf dieser Grundlage ein noch grundstücksunabhängiges Idealprojekt nach dem Vorbild der englischen Gartenstadt entwickelt, mit Grünflächen, durchmischter Nutzung und ökonomischer Reihenbauweise. Drach wiederum hatte das passende Gelände schon im Blick: das Gewann Pfaffengrund an der Eppelheimer Straße, verkehrsgünstig an der Straßenbahn gelegen und direkt gegenüber dem neuen Gaswerk.
Drach setzte sich zudem für die finanzielle Unterstützung der jungen Genossenschaft durch die Stadt ein, über den Erwerb von 100 Anteilsscheinen und über Baukostenzuschüsse, die von 1 Million Mark 1919 über 2,641 Millionen 1920 auf 15 Millionen 1921 stiegen, wobei die beginnende Inflation an dieser Steigerung erheblich mitwirkte. Noch wichtiger war die Überlassung von Grundstücken in Erbbauverträgen, die der Stadtrat am 14. April 1919 beschloss. Am 6. Mai 1919 wurde der Erbbauvertrag zwischen Stadt und Genossenschaft geschlossen. Nur 13 Tage später trat Friedrich Holl vom Städtischen Hochbauamt seinen Posten als bauleitender Architekt der Genossenschaft an und setzte Schmieders Pläne im Pfaffengrund in reale Bausubstanz um.
Anfang Juli 1919 begann der Aushub für den ersten Bauabschnitt, ein Jahr später war er fertig: 103 Wohnungen zwischen Pfaffengrundstraße, Starenweg, Oberer und Unterer Rödt, davon 15 mit vier und 88 mit drei Zimmern und Küche, zweistöckig in Reihenbauweise mit jeweils vier, sechs oder acht Wohnungen pro Block. Die Mieten lagen zwischen 29 und 38 Reichsmark im Monat. Elektrizität fehlte zunächst, und die Anlieger mussten beim Ausbau von Straßen und Wegen selbst mit anpacken. Die Siedlung Pfaffengrund wurde 1920 eingeweiht, die Bautätigkeit ging in den folgenden Jahren weiter, bis mit dem Weltwirtschaftscrash neue Krisenjahre für die junge Genossenschaft begannen.
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