Dieser Artikel ist Teil der Reihe Wohngeschichte, in der Häuserhelden Themen aus der Geschichte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus aufbereitet. Grundlage ist das Jubiläumsbuch „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG" (Heidelberg, 2018). Es geht um Heidelberg, nicht um Düsseldorf oder das Bergische Land, unser eigenes Tätigkeitsgebiet.
Der Pfaffengrund in Heidelberg entstand ab 1920 als geplante Siedlung der Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG und gilt bis heute als anschauliches Beispiel einer Gartenstadt. Aus einem unbebauten Gelände am Stadtrand wurde innerhalb weniger Jahre ein vollständiger Ortsteil mit Wohnungen, Markt, Schule und Verwaltung. Was als Siedlungsprojekt für Arbeiterfamilien begann, trägt den Charakter dieser Anfangsjahre bis in die Gegenwart.
Die Gründungsjahre: Von der Wiese zum Ortsteil
Namensgebend für den Pfaffengrund waren alte Flurbezeichnungen wie „im loche inn den Pfaffengruben", die auf einen früheren Besoldungsacker eines Pfarrers hindeuten. Der Heimatforscher Herbert Derwein hat diese Herkunft in seinem Werk über Heidelberger Flurnamen untersucht. Mit der Fertigstellung des ersten Bauabschnitts 1920 war die eigentliche Geburtsstunde der Siedlung gekommen. 1920 und 1921 wurden mit Peter Schmitt und Maria Beck die ersten beiden Kinder im neuen Ortsteil geboren, beide blieben ihr Leben lang dort wohnhaft und wurden zu bekannten Figuren der lokalen Geschichte.
Vollständig war der Ortsteil zunächst noch nicht. Zwei öffentliche Gebäude fehlten: der Kopfbau am Marktplatz, der 1924 fertiggestellt wurde und neben der Verwaltung von Neu Heidelberg auch Konsum, Post und Polizeiwache beherbergte, sowie das zwei Jahre später eröffnete Schulhaus. Erst mit diesen beiden Bauten war der Pfaffengrund im eigentlichen Sinn komplett. Zu diesem Zeitpunkt lebten bereits rund 1.850 Menschen in der Siedlung, organisiert als Genossenschaftsmitglieder mit eigenem Anteil an ihren Wohnungen.
Warum der Pfaffengrund als Modell für die Gartenstadt gilt
Der Pfaffengrund wird in der Rückschau gern als Musterbeispiel für das Phänomen der Siedlung und der Gartenstadt herangezogen, mit allen Mischformen dazwischen. Kennzeichnend war, dass der Ortsteil von Anfang an mehr als bloßer Wohnraum sein sollte. Zu den Wohnhäusern mit eigenen Gärten kamen rasch Infrastruktur und Treffpunkte hinzu, etwa der Marktplatz mit seinem markanten Kopfbau und später der Schulplatz mit Brunnen, der im zweiten Bauabschnitt entstand. Eine zum zehnjährigen Bestehen erstellte Berufsstatistik der Siedlungsbewohner zeigt die soziale Mischung der Bewohnerschaft: Handwerker, Arbeiter, Angestellte, Beamte und Gewerbetreibende lebten hier Seite an Seite.
Ein wesentliches Merkmal war die Eigenleistung der Mitglieder. Große Teile der Infrastruktur, bis hin zum alten Gesellschaftshaus mit Gaststätte und Veranstaltungsraum, entstanden in Eigenregie der Genossenschaftsmitglieder. Dieser genossenschaftliche Grundgedanke, dass die Bewohner nicht nur Mieter, sondern Mitgestalter ihres Stadtteils waren, prägt den Pfaffengrund bis heute und wird auch von langjährigen Funktionsträgern wie dem früheren Aufsichtsratsvorsitzenden Heinrich Menger und dem Stadtteilvereinsvorsitzenden Heinz Schmitt als fortwirkender guter Geist der Offenheit beschrieben.
Kriegszeit und Wiederaufbau
Am 20. September 1940 traf eine Fliegerbombe eine Häuserzeile zwischen Pfaffengrundstraße und Finkenweg, drei Mitglieder einer Familie kamen dabei um. Die zerstörten Gebäude wurden bereits 1941 durch Neubauten ersetzt. Der Pfaffengrund war einer von nur vier Orten in Heidelberg, die im Zweiten Weltkrieg von Bomben getroffen wurden, was im Rückblick auch mit seinem Ruf als Nest des Widerstands in Verbindung gebracht wird.
Nach dem Krieg stellte sich eine Wohnungsnot, die die der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg noch übertraf. Die Baugenossenschaft Neu Heidelberg verfügte über ein rund sechs Hektar großes unbebautes Vorratsgelände und errichtete bis Ende 1953 darauf 180 Wohnungen an Straßen wie Kranichweg, Sperberweg, Möwenweg, Schützenstraße und Richard-Drach-Straße. Die Einwohnerzahl des Pfaffengrund stieg dadurch von rund 2.500 bei Kriegsende auf etwa das Vierfache innerhalb weniger Jahre. 1949 entstand mit dem 70 Meter hohen Gaskessel am Gaswerk ein neues Wahrzeichen des Stadtteils, das 1985 wieder demontiert wurde.
Entwicklung bis in die Gegenwart
Ab Mitte der 1920er Jahre war der Pfaffengrund nicht mehr identisch mit der ursprünglichen Siedlung. Zunehmend bauten auch die Stadt, Kirchen, staatliche Stellen und weitere Genossenschaften im Ortsteil mit. In den frühen 1930er Jahren kamen während der Massenarbeitslosigkeit erstmals private Bauherren hinzu: 150 arbeitslose Familienväter erhielten Darlehen, um auf Erbpachtgrundstücken in Eigenleistung Häuser zu bauen, ein Bereich, der als Randsiedlung bekannt wurde.
In den folgenden Jahrzehnten wandelte sich der bauliche Charakter mehrfach. Besonders in den 1950er und 1960er Jahren entstanden zahlreiche Wohnblocks für Vertriebene und Flüchtlinge, in den 1970er Jahren ließ die Bautätigkeit nach und die mittlerweile gewachsenen Bäume prägten das Straßenbild. Neuere Bauprojekte wie das 1997/98 entstandene Seniorenzentrum Christian Stock und der 2012 fertiggestellte Komplex mit barrierefreien Wohnungen im Kranichgarten zeigen, wie sich die Siedlung durch behutsame Nachverdichtung an veränderte Bedürfnisse anpasst, ohne ihren ursprünglichen Charakter als Gartenstadt-Siedlung zu verlieren.
Bildnachweis: Foto von Jörg Blobelt, Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.