Geschichte · Lesezeit ca. 6 Min · Serie Wohngeschichte

Raiffeisen und Schulze-Delitzsch: Die Väter der deutschen Genossenschaftsidee

Zwei Männer, ein Grundprinzip: wie im 19. Jahrhundert die deutsche Genossenschaftsbewegung entstand.

Dieser Artikel ist Teil der Reihe Wohngeschichte, in der Häuserhelden Themen aus der Geschichte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus aufbereitet. Grundlage ist das Jubiläumsbuch „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG" (Heidelberg, 2018). Es geht um Heidelberg, nicht um Düsseldorf oder das Bergische Land, unser eigenes Tätigkeitsgebiet.

Die Genossenschaftsidee hat in Deutschland zwei Väter, die unabhängig voneinander auf dasselbe Grundprinzip kamen: Menschen, die allein zu schwach sind, schließen sich zusammen und profitieren gemeinsam davon. Friedrich Wilhelm Raiffeisen und Hermann Schulze-Delitzsch legten im 19. Jahrhundert den Grundstein für ein Modell, das bis heute trägt, auch bei Wohnungsbaugenossenschaften.

Raiffeisen und die Genossenschaft vom Land

Friedrich Wilhelm Raiffeisen wurde am 30. März 1818 in Hamm geboren und starb am 11. März 1888 in Heddesdorf bei Neuwied. Er war Bürgermeister und ein Mann der Praxis: Als Bürgermeister von Weyerbusch im Westerwald gründete er einen Brotverein, der um ein Backhaus herum organisiert war. Dort wurde Getreide verarbeitet, das die Regierung zur Linderung einer Hungersnot zur Verfügung gestellt hatte. Besser gestellte Bürger legten ihre Ersparnisse in diesem Verein an, Raiffeisen finanzierte damit den Bau des Backhauses und vergab Kredite an Bauern für Saatkartoffeln und Dünger. Die Bauern zahlten die Schulden aus dem Erlös ihrer Ernte zurück und erwarben zugleich eigene Anteile am Verein. Damit war das Prinzip geboren, das heute als Genossenschaft bekannt ist: eine Konstruktion, von der Sparer und Kreditnehmer gleichermaßen profitierten.

Als Bürgermeister des größeren Orts Flammersfeld gründete Raiffeisen 1848 den „Flammersfelder Hilfsverein zur Unterstützung unbemittelter Landwirte". Dieser gilt vielen als die eigentliche Geburtsstunde der Genossenschaftsidee, da er strukturierter war als der Brotverein des Jahres davor. Später kamen in Heddesdorf der „Heddesdorfer Wohltätigkeitsverein" und der „Heddesdorfer Darlehenskassenverein" dazu, beide 1854 ins Leben gerufen. Sie richteten sich nicht mehr nur an Bauern, sondern auch an Nebenerwerbslandwirte, Industriearbeiter und Handwerker, die durch die Industrielle Revolution unter ganz neue Lebensumstände gerieten.

Schulze-Delitzsch und das städtische Handwerk

Hermann Schulze-Delitzsch kam am 29. August 1808 in Delitzsch zur Welt und starb am 29. April 1883 in Potsdam. Er war Richter und später Reichstagsabgeordneter, sein Blick richtete sich vor allem auf die städtische Bevölkerung und die kleinen Handwerker. 1849 gründete er die Schuhmachergenossenschaft in Delitzsch und setzte dabei mehr auf rechtliche und strukturelle Standards als Raiffeisen, der eher improvisierte.

Als Jurist entwickelte Schulze-Delitzsch Konzepte für Konsumvereine, für Vorschuss- und Kreditvereine, also Volksbanken, sowie für Vertriebs- und Erzeugergenossenschaften unterschiedlichster Art. Er trieb zudem den Aufbau von Dachverbänden voran, die die Kräfte der einzelnen Genossenschaften bündeln sollten, und setzte sich vor allem für ein einheitliches Genossenschaftsrecht ein. Sein Wirken als Beamter, Autor und Abgeordneter war damit stärker politisch und juristisch geprägt als das von Raiffeisen.

Eine Idee, die bis heute trägt

Beide Männer verfolgten denselben Grundgedanken aus unterschiedlichen Richtungen: Raiffeisen aus der praktischen Not der ländlichen Bevölkerung heraus, Schulze-Delitzsch aus dem juristischen und politischen Bedürfnis nach verlässlichen Strukturen für Handwerker und Stadtbewohner. Schulze-Delitzsch selbst brachte es auf den Punkt: „Der Geist der freien Genossenschaft ist der Geist der modernen Gesellschaft."

Genau dieses Prinzip, gemeinsam zu schaffen, was einzelne allein nicht stemmen könnten, liegt bis heute jeder Wohnungsbaugenossenschaft zugrunde. Mitglieder bringen Geschäftsanteile ein, erwerben damit ein dauerhaftes Nutzungsrecht an ihrer Wohnung und tragen das wirtschaftliche Ergebnis gemeinsam. Die Rechtsform, für die sich Schulze-Delitzsch stark gemacht hatte, und das Solidarprinzip, das Raiffeisen in der Praxis erprobte, wirken damit in jeder modernen Genossenschaft fort, weit über ihre ursprünglichen Bereiche Landwirtschaft und Handwerk hinaus.

Quelle: Martin Kunzler, „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG", herausgegeben von der Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG anlässlich ihres 100. Jubiläums, Heidelberg 2018. Weitere Artikel der Reihe: Übersicht Wohngeschichte.
Bildnachweis: Foto von unbekannt (historische Aufnahme), Lizenz Public Domain (gemeinfrei), Wikimedia Commons.

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