Geschichte · Lesezeit ca. 6 Min · Serie Wohngeschichte

Vom Land in die Stadt: Wie Industrialisierung und Landflucht das Wohnen veränderten

Wie die Industrielle Revolution Millionen Menschen in die Städte trieb und damit die Genossenschaftsidee vorbereitete.

Dieser Artikel ist Teil der Reihe Wohngeschichte, in der Häuserhelden Themen aus der Geschichte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus aufbereitet. Grundlage ist das Jubiläumsbuch „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG" (Heidelberg, 2018). Es geht um Heidelberg, nicht um Düsseldorf oder das Bergische Land, unser eigenes Tätigkeitsgebiet.

In Deutschland verhundertfachte sich die Zahl der Fabrikarbeiter im 19. Jahrhundert von rund 80.000 auf acht Millionen. Dieser Umbruch hatte eine Kehrseite: Menschen verließen in Massen das Land, drängten sich in die wachsenden Industriestädte und fanden dort oft nur beengte, ungesunde Wohnungen vor. Aus dieser Wohnungsnot wuchs eine Bewegung, die bis heute Bestand hat, die Genossenschaft.

Von der Dampfmaschine zur Massenwanderung

Die Industrialisierung begann im 18. Jahrhundert und beschleunigte sich zwischen den 1830er Jahren und der Jahrhundertwende so stark, dass Fachleute von einer Industriellen Revolution sprechen. Neue Antriebsformen trieben diese Entwicklung voran, vor allem die Dampfmaschine und die Eisenbahn. Die Dampfmaschine ließ Fabriken in bis dahin unbekannte Größenordnungen wachsen, die Eisenbahn sorgte für Mobilität und zog Menschen in die entstehenden Industriezentren.

Wo Fabriken entstanden, entstand Arbeit, und wo Arbeit war, zogen Menschen hin. Soziologen sprechen von Push- und Pull-Faktoren: Not und Perspektivlosigkeit trieben die Landbevölkerung aus den verlassenen Landstrichen, die Aussicht auf Lohn und Brot zog sie in die überfüllten neuen Zentren. Diese Landflucht veränderte die Bevölkerungsverteilung in Deutschland grundlegend und gilt als einer der zentralen Treiber der Verstädterung im 19. Jahrhundert.

Mietskasernen und die Soziale Frage

In den Städten trafen die Zuziehenden auf eine Wohnungswirtschaft, die mit diesem Tempo nicht Schritt hielt. Der französische Historiker Hippolyte Taine beschrieb nach einer Reise ins englische Manchester Fabrikviertel, in denen Arbeiter in Wohnungen unter der feuchten Erdoberfläche hausten, umgeben von schlechter Luft und ärmlichen Verhältnissen. Vergleichbare Zustände entstanden auch in deutschen Städten: stickige, unhygienische Mietskasernen und feuchte Hinterhöfe, wie sie später auch der Berliner Zeichner Heinrich Zille dokumentierte.

Für viele Arbeiterfamilien war die Wohnung kaum mehr als eine Schlafstätte in der Nähe der Fabrik, oft häufiger gewechselt als die Kleidung. Dieses Missverhältnis zwischen Zuzug und verfügbarem, menschenwürdigem Wohnraum wurde im 19. Jahrhundert unter dem Begriff der Sozialen Frage verhandelt und blieb auch nach dem Ersten Weltkrieg akut, als heimkehrende Soldaten und Kriegerwitwen zusätzlichen Wohnraumbedarf schufen.

Heidelberg zwischen Universität und Industrie

Auch Heidelberg blieb von diesen Prozessen nicht unberührt, obwohl die Stadt vor allem als Universitätsstadt bekannt ist. Mit Betrieben wie der Waggonfabrik Fuchs, die bereits 1875 in der Häusserstraße produzierte und 1902 wegen fehlender Erweiterungsflächen von der Weststadt nach Rohrbach umzog, sowie einer Zementfabrik entwickelte sich eine durchaus beachtliche eigene Industriegeschichte. Städte, die weder an Kohle- und Erzregionen wie Saar oder Ruhr lagen noch Hauptstadtfunktion hatten, standen trotzdem unter dem Einfluss derselben ökonomischen Kräfte, sobald sich Industriebetriebe ansiedelten und Arbeiter anzogen.

Der Zuzug von Arbeitskräften in solche Städte verschärfte auch dort den Druck auf den Wohnungsmarkt, besonders in den Krisenjahren nach den beiden Weltkriegen, als akute Wohnungsnot aus dem Nichts heraus bekämpft werden musste.

Der Boden für die Genossenschaftsidee

Genau in dieser Lücke zwischen Zuzug, Wohnungsnot und unzureichendem Wohnungsangebot entstand der Nährboden für die Genossenschaftsbewegung. Wo der freie Markt keinen bezahlbaren, menschenwürdigen Wohnraum bereitstellte, organisierten sich Menschen selbst, um gemeinsam zu bauen und zu wohnen, ohne dabei die wirtschaftlichen Vorteile der Industrialisierung grundsätzlich abzulehnen. Die Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG ist ein konkretes Beispiel dafür, wie aus dieser Notlage heraus organisierter, genossenschaftlicher Wohnungsbau entstand, der den Auswüchsen der Industrialisierung etwas entgegensetzte, ohne ihre positiven Seiten zu verhindern.

Quelle: Martin Kunzler, „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG", herausgegeben von der Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG anlässlich ihres 100. Jubiläums, Heidelberg 2018. Weitere Artikel der Reihe: Übersicht Wohngeschichte.
Bildnachweis: Foto von Markus Willimann, Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.

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