Geschichte · Lesezeit ca. 6 Min · Serie Wohngeschichte

Flucht und Neuanfang: Wohnungsnot nach 1945

Wie Heimatvertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg in einer Genossenschaft ein neues Zuhause fanden.

Dieser Artikel ist Teil der Reihe Wohngeschichte, in der Häuserhelden Themen aus der Geschichte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus aufbereitet. Grundlage ist das Jubiläumsbuch „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG" (Heidelberg, 2018). Es geht um Heidelberg, nicht um Düsseldorf oder das Bergische Land, unser eigenes Tätigkeitsgebiet.

Nach 1945 fehlten in Deutschland Millionen Wohnungen. Städte waren zerbombt, und zugleich kamen durch Flucht und Vertreibung Millionen Menschen in Gebiete, die selbst kaum noch intakten Wohnraum hatten. Heidelberg blieb von Zerstörung weitgehend verschont, war aber genauso von der allgemeinen Wohnungsnot betroffen. Am Beispiel der Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG lässt sich zeigen, wie genossenschaftlicher Wohnungsbau in dieser Zeit zur praktischen Antwort auf eine Notlage wurde, die weit über einzelne Städte hinausging.

Eine Notlage, die sich nicht von selbst löste

Wer annahm, die Wohnungsnot würde mit der Zeit zurückgehen, sah sich getäuscht. Das Gegenteil trat ein: Je mehr Wohnungen entstanden, desto größer wurde gleichzeitig die Nachfrage. Die unmittelbaren Nachkriegsjahre und die Zeit danach, in den Quellen zur Genossenschaftsgeschichte als Krisenjahre bezeichnet, waren geprägt von wirtschaftlicher Not, Zerstörung und einer enormen Zahl an Menschen, die ein Dach über dem Kopf brauchten. Erst mit den Fünfziger Jahren besserte sich die Lage spürbar. Die Menschen kamen wieder in Arbeit, die akute wirtschaftliche Existenzangst ließ nach. Der Bedarf an Wohnraum blieb davon unberührt hoch.

Heimatvertriebene und die Frage der Unterbringung

Zu den Menschen, die nach Kriegsende Wohnraum brauchten, zählten in besonderem Maß die Heimatvertriebenen: Menschen, die ihre Heimat im Osten verloren hatten und sich in Westdeutschland neu ansiedeln mussten, ohne Besitz, ohne gesicherte Bleibe. Für sie war der Zugang zu einer Genossenschaftswohnung oft der erste feste Ankerpunkt nach Jahren der Entwurzelung. Genossenschaften wie Neu Heidelberg boten dafür ein Modell, das auf Mitgliedschaft und gemeinsamer Verantwortung statt auf freiem Markt beruhte, zu einer Zeit, in der freier Wohnraum ohnehin knapp und teuer war.

Wachstum unter Druck: der Bau-Schub der Fünfziger Jahre

Neu Heidelberg überschritt 1953 die Grenze von 1.000 Wohnungen im eigenen Bestand. Das war aber erst der Anfang einer Phase intensiven Bauens. Unter der Leitung des jungen Architekten und späteren Geschäftsführers Karl Armbruster entstanden bis in die Sechziger Jahre hinein Schlag auf Schlag neue Wohnungen: zunächst zehn Einheiten im Ochsenkopf, danach insgesamt 400 Wohnungen im Pfaffengrund, 1955 weitere im Schrebergartenweg in der Südstadt und 1962/63 in Kirchheim Nord. Armbruster, der seinen Weg über eine Maurerlehre und die Staatsbauschule Darmstadt in die technische Geschäftsführung und später in den Vorstand nahm, blickte bei seiner Verabschiedung 1991 auf diese 400 selbst geplanten Wohnungen zurück, dazu kam eine noch größere Zahl an Projekten, die er als Manager begleitet hatte.

Bis 1964 wuchs der Bestand der Genossenschaft auf 1.452 Wohnungen und 40 gewerbliche Objekte. Erst ab Mitte der Sechziger Jahre wurden die verfügbaren Grundstücke in Heidelberg knapp, sodass sich die Rahmenbedingungen für weiteres Wachstum grundlegend änderten.

Eine Genossenschaft unter Druck: die Jahre vor dem Wiederaufbau

Die Ausgangslage für diesen Wiederaufbau war selbst von einer schwierigen Vorgeschichte geprägt. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde Neu Heidelberg 1933 unter neue, von außen bestimmte Führung gestellt, die genossenschaftliche Eigenständigkeit war damit praktisch aufgehoben. Zwischen 1937 und 1940 kam es zudem zu einer Zwangsvereinigung der in Heidelberg bestehenden Genossenschaften unter dem Dach von Neu Heidelberg, weil diese die größte der vier Institutionen war. Betroffen waren die Baugenossenschaft Neckartal, die Baugenossenschaft Heidelberg-Kirchheim und die Gemeinnützige Bezirksbaugenossenschaft Heidelberg mit der Eisenbahnersiedlung Ochsenkopf. Nach Kriegsende wurde dieser Zusammenschluss demokratisch neu legitimiert, die Mitglieder entschieden sich mehrheitlich und freiwillig für den Verbleib. Für kleinere Genossenschaften wie die Handwerkergenossenschaft aus Kirchheim oder die Neckartal-Genossenschaft bedeutete das eine wirtschaftlich tragfähigere Grundlage, als sie allein aus eigener Kraft hätten aufbauen können, gerade mit Blick auf die anstehenden Aufgaben beim Wiederaufbau und bei der Unterbringung der vielen wohnungssuchenden Menschen.

Quelle: Martin Kunzler, „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG", herausgegeben von der Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG anlässlich ihres 100. Jubiläums, Heidelberg 2018. Weitere Artikel der Reihe: Übersicht Wohngeschichte.
Bildnachweis: Foto von Jörg Blobelt, Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.

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