Dieser Artikel ist Teil der Reihe Wohngeschichte, in der Häuserhelden Themen aus der Geschichte des genossenschaftlichen Wohnungsbaus aufbereitet. Grundlage ist das Jubiläumsbuch „100 Jahre Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG" (Heidelberg, 2018). Es geht um Heidelberg, nicht um Düsseldorf oder das Bergische Land, unser eigenes Tätigkeitsgebiet.
Wer alt wird, will meist eins nicht: den vertrauten Ort verlassen. Genau hier setzt Betreutes Wohnen im genossenschaftlichen Kontext an. Statt Senioren in ein anonymes Pflegeheim am Stadtrand zu verlagern, bleiben sie in der Siedlung, in der sie schon lange leben, nur mit passenderen Wohnungen und Unterstützung in der Nähe. Ein Beispiel dafür liefert die Baugenossenschaft Neu Heidelberg eG, die im Stadtteil Pfaffengrund ein solches Modell seit den späten 1990er Jahren betreibt.
Was betreutes Wohnen im Quartier konkret bedeutet
Betreutes Wohnen heißt nicht automatisch Pflegeheim. Gemeint ist eine eigene, abgeschlossene Wohnung, meist barrierefrei gebaut, kombiniert mit einem Angebot an Unterstützung direkt im selben Gebäude oder in unmittelbarer Nähe. Bei Neu Heidelberg zeigt sich das an der Wohnanlage „Christian Stock" am Storchenweg 2 in Heidelberg Pfaffengrund: 21 Einzimmer-Appartements und neun Zweizimmerwohnungen, fertiggestellt 1997/98 auf dem Grundstück eines zuvor abgerissenen Gesellschaftshauses.
Medizinisch betreut werden die Bewohner im Bedarfsfall vom Pflegedienst Kurpfalz. Im selben Gebäudekomplex hat Neu Heidelberg zusätzlich ein Seniorenzentrum an die Stadt Heidelberg vermietet, in dem die Diakonie aktiv ist: Gruppenräume für Aktivitäten, eine Küche, eine Bibliothek mit Internetcafé und ein Fahrdienst gehören dazu, ebenso organisierte Ausflüge und ein Sommerfest.
Warum Wohnen bleiben wichtiger ist als ein neues Gebäude
Der entscheidende Punkt an diesem Modell ist die Lage, nicht nur die Ausstattung. Die Bewohner der Anlage Christian Stock ziehen nicht aus ihrem Stadtteil weg, sie bleiben in Pfaffengrund, in der Siedlung, die sie kennen. Nachbarn, Wege, Läden, soziale Kontakte bleiben erhalten. Das ist etwas anderes als der Umzug in eine x-beliebige Pflegeeinrichtung ohne Bezug zum bisherigen Leben.
Der internationale Vergleich zeigt, wie ernst das Thema inzwischen genommen wird. In den USA, Skandinavien, China und Australien konkurrieren Baugesellschaften und Architekten längst unter dem Begriff „Design for Aging" um die besten Konzepte, von barrierefreien Einzelgebäuden bis zu ganzen Wohn-Campussen. Ein Extrembeispiel ist Changzhou in Ostchina, wo eine komplette Stadt in der Stadt mit altersgerechter Infrastruktur entstand, mit Sporthallen, Ambulatorien, Pflegeeinrichtungen, Kliniken, Parks und sogar einer eigenen Altenakademie.
Die genossenschaftliche Variante: kleiner, aber mit echter Bindung
Neu Heidelberg zeigt, dass es auch deutlich kleiner geht und trotzdem funktioniert. Statt einer ganzen Stadt im Großformat reicht ein einzelnes Gebäude mit knapp 30 Wohnungen, eingebettet in eine bestehende Siedlung. Das Modell lässt sich auf das Leitmotiv „Gesundheit erhalten, Heilen und Pflegen" zurückführen, ein Programm, das weltweit auch kleinere Einrichtungen verfolgen, etwa Siedlungen für pensionierte Angehörige der Streitkräfte in den USA.
Eine weitere Spielart ist die Seniorengenossenschaft als eigenständiges, autonomes Modell, das 1991 in Baden-Württemberg erfunden wurde und seitdem Nachfolger gefunden hat. Der Unterschied zum klassischen Betreuten Wohnen: Hier organisieren sich ältere Mitglieder stärker selbst gegenseitig, statt nur ein fertiges Betreuungsangebot zu nutzen.
Was das Beispiel Pfaffengrund für Genossenschaften insgesamt zeigt
Die Wohnanlage Christian Stock ist nach dem Gründungsvater der Genossenschaft benannt und wurde über Jahrzehnte vom langjährigen Hausarchitekten Dipl.-Ing. Hans Burkhard betreut, der 2017 im Ruhestand verstarb. Dieser lange Zeitraum zeigt, dass solche Projekte kein kurzfristiges Experiment sind, sondern über Generationen von Mitarbeitern und Mitgliedern hinweg getragen werden müssen.
Für Genossenschaften liegt die Stärke genau darin: Sie kennen ihre Mitglieder, ihre Bestandsgebäude und ihre Siedlungen seit Jahrzehnten. Ein Betreutes-Wohnen-Projekt im eigenen Quartier lässt sich deshalb an bestehende Strukturen, Nachbarschaften und auch an bestehende Partner wie Pflegedienste oder Wohlfahrtsverbände anschließen, statt bei null anzufangen.
Bildnachweis: Foto von Jörg Blobelt, Lizenz CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons.